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MiniundMami
GEDANKEN

Landmama, Stadtmama oder irgendwas dazwischen?

Raus auf’s Land. Spätestens wenn man mit der Familienplanung startet keimen solche Gedanken in einem auf. Wie möchten wir zukünftig wohnen? Wie sollen unsere Kinder groß werden? Wie sollen sie aufwachsen? Viele Fragen die wir uns stellen, die uns zweifeln lassen oder uns bestärken.

Meine Kindheit habe ich jeweils zur Hälfte auf dem Land,  und in einer 70-Tausend-Stadt verbracht. Habe somit eigentlich immer genau die Vorzüge der beiden Wohnorte mitgenommen. Auf dem Dorf, konnte ich so richtig Kind sein. Wir hatten einen großen Garten, mit Hühnern, Katzen, Hasen und Goldfischen. 20 Schritte und wir waren im Wald, 5 Minuten Fußweg zum Dorfkindergarten. Das bedeutete für mich Freiheit und Ungezwungenheit. Es gab keine (bzw. wenige) feste Regeln in die ich gepresst wurde. Mein gesamter Tagesablauf spielte sich draußen ab. Am Abend kratze mir meine Mama den Dreck von den Fußsohlen. Für mich absolut prägend! Dann sind wir nach der Scheidung meiner Eltern, in die Stadt gezogen. Wohnten in einer großen Wohnung,  im Haus noch andere Kinder. Das Haus zwischen zwei Hauptverkehrsadern, Lastwagenverkehr. Dafür eine der besten Busverbindungen in die Innenstadt. Die Buse fuhren im 15min-Takt. Schule, Kino, Schwimmbad, Geschäfte, Jugendzentrum & Co. alles plötzlich erreichbar. Für mich ein absolut irres, neues Lebensgefühl. Viele Vorzüge & neue Freiheiten. Und das Kennenlernen von festen Regeln und vielen, vielen Absprachen mit meiner Mutter, die jetzt nötig waren. Das „Tür auf und raus-Gefühl“ war Vergangenheit.

Die Entscheidung – wo wollen wir leben?

Ja irgendwann, war es dann soweit. Ich lernte meinen Mann kennen und lieben, und wir machten uns darüber Gedanken, wohin wir ziehen wollen. Stadt vs. Land? Ein Jobangebot meines Mannes machte uns die Entscheidung etwas leichter, und so entschieden wir das Angebot meiner Großeltern anzunehmen. Das Haus wurde überschrieben und wir begannen mit dem Umbau des Hauses, mitten im Ortskern eines 300-Seelen-Dorfes am Rande der fränkischen Schweiz. Nächstgrößere Stadt die heimliche Hauptstadt des Bieres: Kulmbach, und 25km von der Wagner-Stadt Bayreuth entfernt. Auch Bamberg ist in einer guten halben Stunde erreichbar. Die Autobahn nur einen Katzensprung entfernt und hinter dem Haus: Landidylle pur! Ein Bächlein direkt hinter unserem Garten. In meinem Kopf die schönsten Gedanken, wie friedlich und seelig unsere Kinder hier aufwachsen würden. Kurz nach der Entscheidung für ein Leben auf dem Land wurde ich schwanger und unsere Entscheidung war noch einmal mehr gefestigt. Yeah! Meine Kinder wachsen auf dem Land auf, und voller Stolz verkündete ich: „Ich werde bald eine echt Dorf-Mutti sein! Kinderwagen schieben- auf ungeteerten Wegen, Ruhe, gute Luft, Naturerlebnisse und Freiheit für unsere kleine Rasselbande.

Und dann! Die Realität!

Schon vor unserem Einzug waren wir das Gesprächsthema. „Ohje, die Arme – schwanger und ein Umbau! Na hoffen wir das dieser Lärm dem Baby nicht schadet!“ Die Leute machten sich Sorgen, weil wir mit Pellets heizen werden und malten sich vermutlich schon aus, an welchem Tag im Januar wir wohl kurz vor dem Erfrierungstod bei den Nachbarn klingeln werden. (Woher wussten die das mit dem Pelletofen überhaupt?) Nach der etwas holprigen Geburt, gab es unzählige viele bemitleidende Blicke, ungefragte Ratschläge und Fragen, ob ich jetzt nicht mit mir selbst hadere? Schließlich hätte ich es ja nicht geschafft, dass Kind natürlich zu gebären. Alle wussten innerhalb kürzester Zeit alles. Alle Eckdaten die das Kind betreffen, momentane Stillsituation, Qualität unserer Beziehung – woher sie das alles wussten, ist mir bis heute noch unklar.

Wir nennen es mittlerweile Dorftratsch. Das bedeutet, du gibst einer beliebigen Person eine kurze und knappe Auskunft, der Höflichkeit wegen (sonst bist du ja gleich unten durch!) und diese Person wertet die Nachricht noch „ein bisschen“ auf, fügt noch ein paar Details hinzu, schließlich kann man sich das ja vorstellen, und erzählt sie einer beliebigen Anzahl von Personen „ihres Vertrauens“ weiter. Die fügen wieder etwas hinzu, lassen vielleicht auch mal was weg und erzählen sie weiter. Natürlich auch nur Leuten, die das nieeeemals weitererzählen würden. Was kommt raus: brandheiße Dorf-News, für die du dann je nach Kategorie bemitleidet, belächelt oder aus dem Dorfbund ausgeschlossen wirst. Eine neutrale Weitergabe von Fakten oder Tatsachen habe ich äußerst selten erlebt.

Anonymität wie geil muss das sein?

Und dann musst du dich entscheiden. Denn einen Mittelweg gibt es vermutlich genauso selten. Möchtest du dazu gehören? Dann engagierst du dich am besten in: Feuerwehr, Kirchenchor, Gesangsverein, Gartenbauverein, Schützenverein and so on. Bäckst fleißig mindestens einen Kuchen zur Kirchweih und sonstigen Festen, hilfst mit bei Aufräum- und Verschönerungsaktionen innerhalb des Dorfes, stellst deine Einfahrt oder Zufahrt natürlich der Allgemeinheit zur Verfügung, winkst jedem freundlich und kannst dich anschließend selbst nicht mehr im Spiegel ansehen, weil du das alles so dermaßenaufgesetzt findest. Im gleichen Boot sitzt man in einem Dorf, wohl eher kaum. Auch eine Annahme die sich als völlig falsch herausgestellt hat. Denn der Kreis derer, mit denen ich überhaupt in einem Boot sitzen wollte, ist extrem klein. Dabei habe ich nicht mal unbedingt die höchsten Ansprüche, sondern sich in diesem kleinen Pool jemand herauszufischen der tatsächlich passt (nicht nur zu mir, sondern auch zu meiner Familie!) ist klein – sehr klein!

Die Auswahl steigt mit wachsender Einwohnerzahl natürlich an, und so vermute ich das man es in der Stadt schon deutlich einfacher hat jemanden zu finden, mit dem man auch auf Dauer klar kommt. Der wie du, eben nicht die neue Generation „Kaffeeklatsch“ heranzüchten will. Der wie du einfach nur in Ruhe den Kinderwagen vor sich herschieben und dabei nicht, wie im Verhör, ausgefragt werden möchte. Niemand der dich auf Schritt und Tritt beobachtet, niemand der sich für jedes Handeln von dir und deiner Familie interessiert. Anonymität – wie geil muss das sein!?

Ja, und wo möchte ich jetzt leben?

Der Lärm, die Enge, das Schnelle Leben in der Großstadt, all das würde vermutlich die Anonymität irgendwann aufheben. Ich würde früher oder später merken, dass uns die Hektik der Großstadt vielleicht doch irgendwann erdrückt hätte. Das ich nicht mehr atmen kann, dass ich die Ruhe suche. Ich würde den Verkehrslärm gegen idyllisches Vogelgezwitscher, und den Sonnenuntergang zwischen den Häuserblöcken gegen dieses Büllerbü-Feeling hinter unserem Haus eintauschen wollen. Ich würde davon träumen mit den Kindern am Lagerfeuer zu sitzen, Kartoffeln anzupflanzen, Johannisbeer vom Strauch zu pflücken. Und vermutlich würde ich liebend gerne wieder „Taxi-Mama“ spielen, nur für dieses eine Gefühl von Freiheit & Platz, dass wir hier auf dem Dorf haben.

Und dann gibt es wieder diese trüben Tage, im Herbst, im Winter, wo die Nachmittage so endlos lang werden. Wo die Kinder (ja und ich!) eben nicht den ganzen Nachmittag durch verschneite Wälder, durch’s nasse Gras streifen möchten. Nachmittage die einfach nur schrecklich langweilig sind – für alle Beteiligten. Nachmittage, an denen mir keine Basteleien mehr einfallen wollen und wo uns die Ideen für Höhlen & Verstecke ausgehen. Da werde ich mich nach Kultur sehen, nach Museen, Kinderkonzerten und schönen Cafes, in denen man mit den Kindern, und mit Freunden und deren Kinder sitzen kann. Ich werde mich wieder sehnen, nach den vielfältigen Möglichkeiten die man hier auf dem Land einfach nicht hat. Und trotzdem, weiß ich, auch wenn ich nie eine klassische Dorf-Mama sein werde, würde ich das alles hier, die nächsten Jahre nie eintauschen wollen. Und was die Jahre dann bringen? Wir werden sehen. Bis dahin, machen wir es einfach so wie Städter die in jeder freier Minute raus auf’s Land fahren. Und versuchen unseren Kindern zu zeigen wie schön, auch das Leben in der Großstadt sein kann. Vermitteln ihnen Kultur, und einen freien und offenen Welt- und Weitblick,  und möchten, dass das Brandenburger Tor, die Elbphilarmonie oder der Stachus, nicht nur ein Postkartenmotiv ist. Das sie lernen, dass man an jedem Ort auf dieser Welt, ob Stadt oder Dorf – einsam & allein oder glücklich & lebendig sein kann.

Und ihr? Wo lebt ihr? Seid ihr die typische Stadtmama? Klassische Dorfmama? Oder wie ich, irgendwas dazwischen? Wo fühlt ihr euch wohl?

Was würdet ihr nicht eintauschen wollen? Was vermisst ihr von Zeit zu Zeit?

Auf eure Meinungen und Antworten bin ich unendlich gespannt!

Alles Liebe

Achja, eigentlich gibt es nur eine Stadt in der ich ziehen würde – die Bilder oben haben mich eh‘ verraten. Hamburg – meine Perle! Die vermutlich schönste Stadt dieser Welt!

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