lets talk about MAMA

Geburt während Corona! Amelie’s Geburtsbericht

Ich kann die unzähligen Versuche meinen Geburtsbericht zu schreiben nun nicht mal mehr mit meinen eigenen Fingern zählen. Der Schmerz sitzt tief..jedes Mal denke ich, was wir verloren haben, was uns entgangen ist, was uns aufgebürdet wurde und was alle anderen Menschen gar nicht sehen. Die Geburt meines ersten Kindes. Die Geburt meines Mamaseins, in der nicht ich, mein Kind und unsere Familie die Hauptrolle spielen, sondern Corona.

Ich erwachte an einem Mittwochmorgen im Februar 2021 mit Halsschmerzen. Die Woche davor war geprägt von Coronatests, Krankenhausaufenthalten, Zittern und unglaublichen Ängsten.

Am Wochenende dachte ich noch wir haben es geschafft uns nicht zu infizieren, mein Mann hat sich mehrmals negativ getestet, nachdem sein Arbeitskollege positiv war. Am Montag, ich war gerade in der 38. Ssw angekommen, ging es mir nicht gut. Mir war übel und schwindlig. Da ich die ganze Schwangerschaft mit Kreislaufproblemen gekämpft habe, dachte ich mir da noch nichts. Als es den ganzen Tag nicht besser wurde beschloss ich dann mich im Krankenhaus zu vergewissern, dass es dem Bauchbewohner und mir gut geht und fuhr hin.

Die Hebammen dort waren sehr nett und ich dachte noch wie schön es ist den Kreissaal zu sehen, da wir aufgrund der Pandemie keine Kreissaalführung hatten. Alle CTGs, Blutwerte und Ultraschalls waren ohne Auffälligkeiten und so durfte ich nach einer stadionären Nacht wieder nach Hause. Der Schnelltest war negativ, das Ergebnis des PCR-Test habe ich aufgrund der Entlassung nicht mehr mitbekommen. Ich war beruhigt und der Schwindel mit der Übelkeit war auch weg. 

Am nächsten Tag um 3 Uhr in der Nacht dann der Schock! Halsschmerzen und die ersten Anzeichen einer laufenden Nase. Ich wusste es! Es war kein Testergebnis nötig! Ich war so erschöpft und schwach, dass ich bis 9 Uhr am nächsten Morgen schlief. 

Kurze Zeit danach kam dann der Anruf vom Gesundheitsamt, eine nette Frau erklärte uns wie wir uns verhalten sollen und wünschte uns alles Gute. Die nächsten beiden Wochen waren geprägt von Organisatorischem, Abwarten und Beten. Die Angst alleine zu entbinden wuchs mit jedem Tag, den wir näher an den ET gelangten. 

Am errechneten Geburtstermin, der 07.03.2021, war es dann soweit. Um 11 Uhr spürte ich leichte Wehen und ich hatte eine Schmierblutung. Die Verzweiflung war riesig, denn zu diesen Zeitpunkt hatte mein Mann noch 3 Tage Quarantäne und ich noch 5 Tage. Mir war klar, dass die Aussicht auf ein Happy End das gemeinsame Geburtserlebnis damit ausgelöscht war. Wir hatten damals noch die Hoffnung, dass wenn wir nichts über unsere Quarantäne sagen, wir beide schon negativ sein könnten und doch noch gemeinsam ins Krankenhaus durften. 

Der Tagplätscherte so dahin und die Wehen waren aushaltsam. Sie wurden zwar etwas stärker aber von regelmäßigen Zeitabständen und Schmerzwellen, die alle anderen Sinneseindrücke ausknipsen, keine Spur! Da loderte dann ein kleines Hoffnungsflämmchen in mir auf und ich glaubte an Senkwehen, die ich bis dato nicht hatte. Wie genau ist so ein errechneter Termin auch!! 

Ich sollte eines besseren Belehrt werden. Um 21 Uhr tigerte ich dann schon mit Wehen durch die Wohnung, die ich auf Knien hüftkreisend veratmen musste. Da war dann auch keine Zeit mehr, um sich Sorgen zu machen. Von da an wurden die Abstände kurzer und die Wehen stärker. Sodass ich um 03:30 am 08.03.2021 beschloss ins Krankenhaus zu fahren, um den Geburtsfortschritt überprüfen zu lassen und mich von den erfahrenen Hebammen unterstützen zu lassen. Zu dem Zeitpunkt war ich schon erledigt, totmüde und mit den Nerven am Ende. Die Infektion steckte mir in den Knochen und die Wehen waren kaum mehr auszuhalten. Alles tönen, Hüfte kreisen und veratmen half nichts. Trotzdem war ich überrascht von meinem Körper, der sich auf den Schmerz einließ und mitschwamm. Das Tönen, Atmen und Hüftkreisen kam mir im Geburtsvorbereitungskurs noch sehr weit weg vor, jetzt übernahmen Instinkte das Handeln. 

Nach einer horrormäßigen Autofahrt von 25min zum Krankenhaus in dem mein Sohn geboren werden sollte, da ich mich im Auto nicht bewegen konnte, versuchten wir mitten in der Nacht ins Krankenhaus und in den Kreissaal zu kommen. Dort angekommen wurden wir erstmal abgestrichen und in ein kleines Untersuchungszimmer gesteckt. Ohne Fenster, ohne Bewegungsfreiheit. Das Zimmer war vollgestellt mit einem gelben Untersuchungsstuhl, Ctg-Gerät, einem rollbaren Stuhl mit Loch in der Sitzfläche und vielen Medizinschränken ordentlich beschriftet. 

Bis jemand zu uns kam verging dann eine halbe Stunde. Die Tür flog auf, die diensthabende Hebamme wies meinem Mann an das Krankenhaus zu verlassen und wandte sich mir zu. Wir beide waren so perplex, dass er ohne Abschiedsgruß, aufbauende Worte das Krankenhaus verließ. Die Hebamme ließ mir keinen Moment der Trauer, forderte mich auf mich zu entkleiden, denn sie will jetzt meinen Muttermund untersuchen. So lag ich mit geöffneten Beinen auf der Untersuchungsliege und weinte leise Tränen in meine FFP2-Maske. Mit den Worten: „Noch nicht mal ein Fingerbreit!“ überlies sie mich meinem Schicksal. 

Nachdem sich eine weitere Stunde keiner in meinem Zimmer blicken ließ, bat ich die Hebammen über die Klingel Schmerzmittel zu bekommen. Eine freundliche Stimme sagte mir, sie komme gleich. Ich war kurzzeitig erleichtert, weil ich dachte gleich wird es besser! Aber auch jetzt verging eine weitere Stunde in der ich außer Tönen, Atmen und Hüftekreisen nichts tun konnte. Ich war wie gelähmt! 

Der Handyempfang in dem kleinen Untersuchungszimmer war spärlich. So konnte ich nur die wichtigsten Infos mit meinem Mann austauschen: er fährt heim, meine Mama war bereits auf dem Weg zu mir. Wir dachten, da mein Schnelltest negativ war darf sie zu mir kommen. Auch das sollte erneut ein irreführender Hoffnungsschimmer sein. 

Als nach der besagten Stunde die Tür aufflog und die unfreundliche Hebamme mit den Worten hereinstürmte: „so wie sie tönen sind die Wehen ja doch schon stark, wir untersuchen nochmal ihren Muttermund!…Nur 1 cm Öffnung. Ich gebe Ihnen jetzt die Schmerzmittel dann dürfen sie nicht mehr heim, sondern müssen dableiben.“ Zack, schon saß die Dosis! Ich hatte keine Zeit für Einsprüche. Ich fragte kleinlaut, ob meine Mama zu mir dürfte, denn ich könnte Unterstützung gebrauchen. Sie antwortete mir kalt, dass mein PCR-Test positiv ist und keiner kommen darf, so verließ sie das Zimmer. Ich konnte mich nicht weniger menschlich, unwichtig und verlassen fühlen. Ich verstehe bis heute nicht, wie man eine Frau in der verletzlichsten Zeit Ihres Lebens so behandeln kann. Der Schmerz sitzt tief. Und ich hatte lange daran zu knabbern, ob man je darüber hinweg kommt, wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt zu werden? 

Mein großes Glück war, dass kurze Zeit später Schichtwechsel war. Nachdem ich mit den Schmerzmittel etwas Ruhe fand, weckte mich eine Hebamme, ich nenne sie meine „alte Hebamme“. Sie war sehr freundlich und erklärte mir im ruhigen Ton, dass sie sich gerade mit den anderen beraten hatte. Sie hatten beschlossen, dass sie sich nur um mich kümmert und mich nicht mehr verlassen. So bezog sie ihr Quartier in dem kleinen Untersuchungszimmer, dass wie sie mir ebenfalls ruhig und freundlich mitteilte mein Kreissaal ist. Meine alte Hebamme und ich waren ein gutes Team. Sie fing mich auf in meiner Trauer und half mir wieder Mut für die bevorstehende Geburt zu finden. Sie turnte mit mir durch den Vor- und Nachmittag. Wir freuten uns über jeden weiteren cm, den  mein Muttermund sich öffnete, auch wenn das sehr schwerfällig und langsam. 

Die pflanzlichen Lockermacher, der Wehentropf und auch die Sporteinlagen halfen jedoch nicht zu einem schnelleren Vorankommen. ImGegenteil: der Wehentropf schwächte die Wirkung der Schmerzmittel und die Wellen kamen in Ihrer gesamten Intensität wieder und überrollten mich jedes mal wieder aufs Neue. Mein Körper war nach nun mehr als 24h Geburtsverlauf kraftlos. Meine alte Hebamme riet mir zu einer PDA, die ich bis Dato ablehnte. Schließlich war ich die gesamte Schwangerschaft der Überzeugung ich bräuchte keine. Aber jetzt willigte ich ein. Es war zu viel passiert und ich hatte Angst nicht bis zum Ende durchhalten zu können. Durch die FFP2-Maske fiel mir das atmen schwer, die Wehen kamen alle paar Minuten und mein Muttermund war erst bei 4-5cm Öffnung. Es war 16.00. ich war also schon über 12 h im Krankenhaus und hatte noch nicht mal die Hälfte geschafft. 

Der Anästhesist legte mir die PDA, auch so ein grobmotorischer Schlächter, der wenig nette Worte für eine entbindende Frau übrig hatte. Er kam ins Zimmer mit seinem jungen Assistenten, ich saß nur mit Unterhose bekleidet auf dem Bett! Mir scheißegal was ihr denkt!, dachte ich da noch bevor die nächste Wehe kam und meine alte Hebamme mit ihm alles besprochen hat. Ich setzte mich nach der Wehe auf den Rand des Untersuchungsbetts. Die Beine baumelten locker, und ich sollte meinen Oberkörper zusammenrollen, einen richtigen Buckel machen. In dem Moment als er sagte jetzt nicht bewegen (, sonst bist du gelähmt, dachte ich) kam eine neue Welle. Meine Hebamme spürte das, drückte meine Hände fest zusammen und fing an mir vorzuatmen. Ich saß ganz still nur mein Mund schrie NeinNeinNein!!!!!

Er war fertig, sagte mir aber kein Wort, ich hielt die gesamte Länge der Wehe ohne Ausatmen, Bewegen oder Reden aus. In dem Moment dachte ich, dass das Ende der Geburt nicht mein Anfang mit einem Baby ist, sondern mein Tod! Ich hatte das Gefühl ich würde hier niemals lebendig rauskommen, da half auch nichts von meiner alten Hebamme.

Die PDA war gelegt, aber leider hatte sie nur eine einseitige Wirkung. In dem Moment besser als nichts. Ich war wirklich kurz schwerelos. Der Schmerz in der rechten Hälfte meines Körpers war weg. okay, einseitig schwerelos, aber es half mir mich wieder etwas zu regenerieren. Die Hebamme erklärte mir, dass das vorkommen kann und wir versuchten die PDA mit Sportübungen auch auf die andere Seite zu bekommen. Vergeblich. 

Die nächste Muttermunduntersuchung stand an: unverändert. Mittlerweile war es 18:00 und so 

beschloss meine alte Hebamme vor ihrem Schichtwechsel erneut eine PDA legen zu lassen. Diesmal kam ein anderer Anästhesist. Es war innerhalb von wenigen Sekunden erledigt und so war ich heilfroh, diese Prozedur nochmal über mich ergehen lassen zu haben. Meine alte Hebamme riet mir mich auszuruhen, sie komme nochmal bevor sie geht und verließ das Zimmer.

Das war das erste Mal seit dem morgendlichen Horror, dass ich ganz alleine war.

Kurze Zeit später kamen zwei Frauen ins Zimmer, nachdemsie geklopft und vorsichtig geschaut haben, ob ich schlafe. Meine alte Hebamme und wie sich herausstellte, meine neue, junge Hebamme. Sie sah unter ihrer Maske nicht viel älter aus als ich. Sie stellte sich vor und die beiden untersuchten meinen Muttermund: 5-6cm.  Sie verließen den Raum, die junge Hebamme versicherte mir, dass sie auch bei mir bleiben würde. Sie müssten nur kurz Übergabe machen. 

Wieder allein.

Ich war so erschöpft.

Ich schlief ein. 

Um kurz nach 21 Uhr ging plötzlich alles Schlag auf Schlag. Wieder zwei Frauen plus Wehentropf. Sie hingen mich an und mit jedem Tropfen verflog die schmerzlindernde Wirkung der PDA. Meine junge Hebamme stellte mir die diensthabende Frauenärztin vor. Die beiden erklärten mir, dass die Geburt zu langsam fortschreitet. Die nachfolgende Ultraschalluntersuchung zeigte, dass mein Kind mit dem Kopf auf meiner Hüfte feststeckt. Sie berieten sich, ich hörte nichts, denn die Wehen waren in voller Intensität zurück, noch gewaltsamer, noch unaufhaltsamer und vor allem noch unaushaltsamer. 

Die Frauenärztin bat mich um mein Einverständnis mit mir einige Manöver durchzuführen, die sie selbst bis dato noch nicht eingesetzt hatte, um den Kopf des Kindes von meiner Hüfte zu schieben. In meiner Verzweiflung willigte ich ein. Später sollte sich herausstellen, dass genau das zum Durchbruch führte, aber zuerst sollten wir beide ca. 1 Stunde die wildesten Turnübungen machen. Wir beide waren schweißgebadet. Die Luft in demkleinen Untersuchungszimmer war aufgebraucht und roch nach Schweiß, auch durch die FFP2-Maske, die ich immernoch trug. 

Die Frauenärztin entschuldige sich kurz und ich und meine junge Hebamme blieben allein in dem Zimmer zurück. 

Nach ein paar Minuten, es war kurz nach 0:00,  kam die Frauenärztin mit einem Zettel in der Hand zurück. Ich brauchte keine Worte ich wusste was kommt. Kaiserschnitt! Gleichzeitig rollte die nächste Wehe an und ich verstand nicht, was die beiden miteinander besprachen. Als die Wehe verblasste wandten sie sich mir zu. In dem Moment erfasste meinenKörper eine Welle. Es krachte und wir drei sind heftig erschrocken. Danach hatte ich aber sofort das Gefühl in mir hat sich etwas gelöst. Nachdemwir unsverdutzt angeschaut haben, hat sich meine Hebamme zuerst gefangen und fing schon an erneut an meinem Muttermund zu tasten. Sie blickte mich an und fragte mich, ob ich bei der nächsten Wehe versuchen wolle zu pressen. Die Ärztin legte den Zettel weg und bezog Position auf der linken Bettseite.

Die Wehe kam, wir suchten uns gemeinsam eine Position, in der ich diese Kraftanstrengung nach den zurückliegenden Stunden verarbeiten konnte. Im Vierfüßlerstand (meine Favorisierter Geburtsposition, in der ich mich die meiste Zeit aufgehalten hatte) hatte ich jetzt aber das Gefühl mir zerreißt es meinen Körper und so beschlossen wir auf der linken Seite liegen mit angezogenem in der Luft hängendem rechten Bein, an dem ich mich festhalten konnte zu pressen. In den Pausen war ich so erschöpft, dass meine Hebamme mein Bein festhielt. Nach etwas mehr als 1,5h Pressarbeit hielt ich meinen Sohn in den Armen. Um 03:17 am 09.03.2021 mit 2410g wurde ich Mama eines bezaubernden Sohnes, mit vielen Haaren auf dem Kopf unf wie die junge Hebammr mir mitteilte, großen Füßen. Überglücklich und dankbar über dieses kleine bezaubernde Wesen in meinem Arm. 

Die Frauenärztin kümmerte sich während wir uns beschnupperten um ein Telefon, um ein Verbindung mit dem frischgebackenen Vater, der die ganze Zeit zuhause im unklaren war, wie es Frau und Kind ging oder wie weit die Geburt ist, herzustellen. Meine junge Hebamme kümmerte sich solange um mich und meinen Sohn. 

Ich telefonierte kurz mit meinem Mann, der vor lauter Glück und Tränen in der Nacht kein Auge zugemacht hat. Danach brachten meine beiden Frauen mich auf die Station. Aber nein! Nicht die Wochenbettstation mit anderen Müttern, Babys und sich kümmernden Hebammen. Auf die Corona-Station. Aber das ist eine andere Geschichte. 

Für den Moment war ich selig.

Selig, weil ich drei tolle Frauen bei meiner Geburt dabei hatte.

Selig, weil ich natürlich ohne Geburtsverletzung entbunden hatte. 

Selig, weil ich einen perfekten kleinen Jungen im Arm hielt.

Selig, weil ich es geschafft hatte! 

1 Kommentar zu “Geburt während Corona! Amelie’s Geburtsbericht

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wir nehmen Datenschutz ernst und halten uns an die Richtlinien der DSVGO. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Hier findest du weitere Informationen.

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen